LICHTBLICKE

Ohne ein reflektierendes Objekt kann das Licht nicht wahrgenommen werden, ohne Licht kann man ein Objekt nicht sehen.
Diese grundlegende physikalische Gesetzmäßigkeit bestimmt jede Tätigkeit eines Künstlers, der das Licht als seine Materie für seine Kunst wählt.

Künstler der sog. „Kinetik-Art“ benutzen das Licht als sekundäre Komponente ihres Kunstwerkes, bei dem das Licht auf die Bewegung der Materie reagiert.
Bei der sog. „Neon-Art“ erzeugt die dynamische Veränderung der Lichtintensität die Illusion der Bewegung.

Die Gemeinsamkeit beider Stilrichtungen liegt darin, dass der Künstler bei der Synthese der Materie und des Lichtes auf die Methodik der klassischen Bildhauerei verzichtet und zwischen den beiden Komponenten eine untergeordnete Beziehung schafft.

Die Arbeiten der in Göttingen lebenden ungarischen Bildhauerin
Ildikó Bartalus versucht auf die Frage eine Antwort zu finden:

Ist es möglich mit der Anwendung der Methoden der klassischen Bildhauerei solche Kunstwerke zu schaffen, bei denen das Licht und die Materie einerseits eine gleichwertige Rolle spielen, andererseits die Eigenschaften der Beiden diese Wechselwirkung soweit beeinflussen und verstärken, dass in den Augen des Betrachters als Ergebnis ein ganz neues Objekt entsteht?

Kurz gesagt: das Ergebnis ist mehr als die Summe der beiden Komponenten.
Um dieses Ziel erreichen zu können, verwendet die Künstlerin ein besonders transparentes Porzellan, das den physikalischen Eigenschaften des Lichtes und den daraus resultierenden, visuellen Effekten nicht im Wege steht und gleichzeitig eine gewisse ästhetische Verwandtschaft mit dem Licht besitzt.

Die Oberflächengestaltung der einzelnen Objekte und die dadurch erreichten verschiedenen Intensitäten des durchscheinenden Lichtes resultiert in der Illusion einer sich permanent und dynamisch verändernden Bewegung der Oberflächenornamentik.

Durch die Symbiose erleben das kalte Licht und das zarte Porzellan in ihren Eigenschaften eine scheinbare Wandlung: Das steinharte, gebrannte Porzellan erscheint weicher, plastischer, das Licht beweglicher, dynamischer und wärmer.

Durch die Wechselwirkung der beiden Materialien wird ein dritter Zustand geschaffen. Dieser Zustand ist die Illusion der gemeinsamen Bewegung.

Somit erlebt das Kunstwerk je nach Betrachtungswinkel, visueller Erfahrung des Ausstellungsbesuchers und Umgebung, in der das Kunstwerk steht, immer neue Zustände, die dem Betrachter immer neue visuelle Eindrücke verschafft.

Deshalb sieht Ildikó Bartalus in ihren Objekten Kunstwerke, die nie als vollendet gelten. Sie konserviert in denen einen Augenblick des Schaffensprozesses, der sich während des Betrachtens – je nach Stimmungslage und Erwartungen des Zuschauers – weiter fortsetzt; nach dem Motto: Alles ist möglich, nichts ist endgültig.